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Wer die Kristallschädel geschnitten hat

Die Kristallschädel gibt es wirklich. Sie liegen in großen Museen, sie sind aus massivem Bergkristall geschnitten, und einige von ihnen sind handwerklich beeindruckend. Strittig war nie, ob sie existieren, sondern wer sie gemacht hat. Diese Spur führt nicht nach Yucatán, sondern in die Handelskontore des 19. Jahrhunderts und in eine deutsche Schleiferstadt.

Wie der Markt für Altmexikanisches entstand

Im 19. Jahrhundert wurde Mexiko für europäische Sammler erreichbar, und altmexikanische Stücke wurden zu begehrten Museums- und Vitrinenstücken. Wissenschaftlich gegraben wurde damals wenig, gekauft dagegen viel. Zwischen den Sammlern und dem Land standen Händler, die lieferten, was bestellt wurde — und wo auf Dauer mehr bestellt als gefunden wird, wird irgendwann hergestellt. Das ist keine Verschwörung, sondern das übliche Ende eines solchen Marktes.

In den Erwerbsgeschichten mehrerer Schädel taucht derselbe Name auf: Eugène Boban, ein französischer Antiquitätenhändler, der lange in Mexiko-Stadt arbeitete und beste Verbindungen nach Paris hatte. Er galt als Fachmann für altmexikanische Altertümer, und genau das machte ihn als Verkäufer glaubwürdig.

Die Wege in die Museen

In Paris kam ein Schädel 1878 als Schenkung des Sammlers Alphonse Pinart an das damalige Museum am Trocadéro; Pinart hatte ihn von Boban. Heute gehört das Stück zum Bestand des Musée du quai Branly. Das British Museum kaufte seinen Schädel 1897 bei Tiffany & Co. in New York — auch dieses Exemplar war zuvor durch Bobans Hände gegangen. Die Smithsonian Institution in Washington bekam ihren 1992 anonym mit der Post, samt Zettel, das Stück sei 1960 in Mexiko-Stadt gekauft worden.

Dreimal derselbe Befund: Die Objekte tauchen im Handel auf, nicht bei einer Grabung. Zu keinem von ihnen gibt es einen Fundort, den jemand dokumentiert hätte.

Warum Idar-Oberstein im Spiel ist

Bergkristall lässt sich nicht datieren. Er enthält nichts Organisches, die Radiokohlenstoffmethode greift also nicht, und ein geschliffener Stein sieht nach hundert Jahren aus wie nach tausend. Wer wissen will, wann ein solches Stück entstanden ist, muss andere Wege gehen: über die Papiere, über den Rohstoff, über die Spuren der Werkzeuge.

Dieser Weg führt nach Idar-Oberstein an der Nahe. Die Stadt lebte seit Jahrhunderten vom Steineschleifen, und als die heimischen Vorkommen erschöpft waren, verarbeitete sie eingeführten Quarz aus Brasilien — in großem Maßstab, an wasserbetriebenen Schleifrädern. Fachleute, die sich mit den Schädeln beschäftigt haben, halten die dortigen Werkstätten für den wahrscheinlichsten Entstehungsort zumindest eines Teils der Stücke. Material, Technik und Zeitraum passen zusammen.

Der berühmteste Schädel

Am meisten erzählt wird über das Exemplar, das den Namen der Familie Mitchell-Hedges trägt. Aktenkundig wird es 1943: Der britische Abenteurer Frederick Mitchell-Hedges ersteigerte es bei einer Auktion in London. Die Geschichte, seine Tochter habe es als junges Mädchen 1924 in den Ruinen von Lubaantun im heutigen Belize gefunden, verbreitete sich erst Jahrzehnte später und findet in den Berichten jener Expedition keine Stütze.

Zum selben Stück gehört die Behauptung, es von Hand zu schneiden hätte Jahrhunderte gedauert. Die Zahl lässt sich bis in die populäre Literatur der 1970er Jahre zurückverfolgen; eine Rechnung, aus der sie sich ergibt, wird dort nicht mitgeliefert.

Drei Fragen, die weiterhelfen

Die Schädel sind ein gutes Übungsstück, weil sich an ihnen zeigt, worauf es bei solchen Erzählungen ankommt. Erstens: Wo taucht ein Gegenstand zum ersten Mal auf, und in welchem Dokument? Zweitens: Wer hatte etwas davon, ihn zu verkaufen? Drittens: Ist die Geschichte älter als das Objekt oder jünger? Bei den Kristallschädeln ist sie durchweg jünger — die Steine waren zuerst da, die Deutung kam nach.

Diese drei Fragen kosten Dich zehn Minuten und bewahren Dich vor den meisten schönen Geschichten. In der Geschichte der Astrologie gibt es dieselbe Art von Fällen, samt später erfundener Überlieferung, und sie lassen sich genauso auseinandernehmen.